Es ist eine Doku über einen Sportler, der in seiner Sportart eigentlich alles erreicht hat, was es zu erreichen gibt. 62 Titel, vier Grand-Slam-Triumphe, ein Held für ganz Lateinamerika. Aber doch gibt es diesen einen schwarzen Fleck auf der Weste – den es eigentlich gar nicht geben dürfte.
Genau darum dreht sich die am Dienstag erstmals auf Netflix veröffentlichte Dokumentation „Guillermo Vilas. Eine Richtigstellung.“ Die aber auch genauso „Eine historische Ungerechtigkeit“ als Titel tragen könnte. Ins Rollen gebracht vom Journalisten Eduardo Puppo, der Vilas das erste Mal 1974 spielen sah – und fortan nicht mehr von ihm lassen konnte.
Geprägt von vielen Echtzeit-Aufnahmen aus den 70ern geht es in dem eineinhalbstündigen Film vor allem um die zentrale Frage: Warum war Guillermo Vilas nie die Nummer eins der Welt? Alle Fakten sprachen dafür. Alle Mitstreiter und nachfolgenden Legenden sprechen dafür. Nur die ATP hat – bis heute – scheinbar etwas dagegen. Dagegen, Vilas – der die Tennis-Welt revolutionierte – für seine Leistungen nun auch final mit der größten Ehre eines jeden Tennisspielers zu belohnen.
„Project V“ liefert alle Beweise – doch sie werden nicht akzeptiert
Beim Blick in Vilas‘ Vita fällt aus, dass nirgends die große 1 prangert. Obwohl er besonders im Jahr 1975 und 1977 gefühlt alles gewann, was es zu gewinnen gab. Darum dreht sich seit mehreren Jahrzehnten die Enthüllungsarbeit von Puppo, der die 280 Wochen vom 1. ATP-Ranking im August 1973 bis Dezember 1978 genauer unter die Lupe nahm.
Zeitzeugenberichte, Zeitungsartikel, Mathematiker, hochwissenschaftliche Formeln – all das hat er in 1232 verschlüsselten Daten und 1119 Seiten Untersuchungsdokumenten an die ATP geschickt, um die mickrigen 0,19 Punkte Differenz in der Weltrangliste auf Jimmy Connors ein für allemal zu wiederlegen. Im Dezember 2016 schien es endlich so weit, bei der Nachricht brach Vilas in Tränen aus.
So viel hatte er geopfert. Ex-Trainer Ion Tiriac berichtet in der Dokumentation, wie er den Argentinier tagtäglich zwischen sechs bis acht Stunden über den Platz scheuchen musste, ehe dieser sich zufrieden gab. Schon früh fing dieser Ehrgeiz an, Jugendbilder zeugen von der großen Leidenschaft des Virtuosen, der laut eigenen Angaben „im Alter von sechs Jahren drei Jahre lang gegen die Wand gespielt“ habe. Aus seiner Sicht sei „der Sieg das Ergebnis eines guten, produktiven Jahres, von all der Arbeit, die man reingesteckt hat. Ich möchte mich immer weiter verbessern.“
Eine Leidenschaft, die über exakt 94 Minuten immer wieder betont und deutlich herausgestellt wird. In der „historischen Ungerechtigkeit“, die Guillermo Vilas bis heute nicht begleichen konnte.
Das sagen ehemalige Weggefährten und heutige Superstars
Roger Federer: „Es war immer etwas Besonderes, ihn bei den großen Turnieren zu treffen. Ich wusste, dass er eine starke einhändige Rückhand hatte. Er hatte eine starke Linke und arbeitete unglaublich hart. Guillermo war ein Spieler, der Spuren hinterlassen hat, insbesondere was die Arbeitsmoral der jungen Spieler angeht. Er war ein unglaublicher Kämpfer.“
Rafael Nadal: „Er ist bis heute einer der besten Spieler überhaupt. Guillermo kommt aus Lateinamerika und hatte auf das Tennisspiel dort großen Einfluss. Alle Sportler Lateinamerikas sollten ihm dankbar sein.“
Boris Becker: „Für mich ist er einer der Größten, sein Stil und seine Persönlichkeit sind einzigartig. Wenn man nachsieht, wer die wichtigsten Spieler des Tennis sind, ist Guillermo Villas auch dabei. Danke, dass ich über eines meiner Idole sprechen durfte. Guillermo war sehr wichtig für den Anfang meiner Karriere. Ehre, wem Ehre gebührt.“
Björn Borg: „Er behauptete, die Nummer 1 gewesen zu sein. Er hatte es verdient, er war der Beste. Er hätte die Nummer 1 sein sollen (…) Aber die ATP erklärte ihn zur Nummer 2. Damals gab es ein seltsames Punktesystem. Er war einer der Besten – und jeder wird sich an ihn erinnern. Er hätte wirklich die Nummer eins sein sollen.“
Rod Laver: „Wenn man Vilas betrachtet und mit McEnroe und Connors vergleicht, kann man nur raten, wer die Nummer 1, zwei oder drei ist. Ich glaube, er war vielleicht die Nummer drei, weil er nicht aus den USA kam (Anm.d.Red.: Laver deutet damit Unregelmäßigkeiten in der Wertung an.) Er ist ein großer Champion.“
Mats Wilander: „Ich hatte ein Poster von ihm. Er war in der Kindheit mein Held. Der erfolgreichste männliche Spieler aus Südamerika. Guillermo bedeutet so viel für das Tennis. Er war Teil einer großen Generation mit Borg, Connors, Nastase. Zu sagen, du bist die Nummer 1 der Welt gewesen, hat mehr Gewicht, als zu sagen, dass du French-Open-Sieger warst. Guillermo wäre eine verdiente Nummer 1.“
Gabriela Sabatini: „Sein Spiel, seine Mentalität, all das hat mich und viele andere argentinische Spieler beeinflusst.“
(Bild (c) imago images / Thomas Zimmermann)




